20 Jahre FidAR für mehr Gleichberechtigung

Lesedauer: 4 Minuten | Kategorie: Aufsichtsrat & Beirat | Thema: 20 Jahre FidAR

Viele erfahrene Führungskräfte fragen sich, wie Gleichstellung und Parität in Vorständen und Aufsichtsräten ihre eigene Karriereplanung beeinflussen können. Aus der Praxis von The Boardroom zeigt sich: Wer überlegt, ein Mandat zu übernehmen oder sich strategisch für Topmanagement-Positionen zu positionieren, sollte die Entwicklungen rund um Netzwerke wie FidAR und gesetzliche Rahmenbedingungen bewusst einordnen.

Mandatsberatung


Interview mit Prof. Dr. Anja Seng
Prof. Dr. Anja Seng ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Direktorin des Instituts für Public Management (ifpm) an der FOM Hochschule in Essen und Präsidentin von FidAR – Frauen in die Aufsichtsräte. Als Professorin, Moderatorin und Speakerin verbindet sie Praxisnähe und Wissenschaft. Sie verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung an der Hochschule in Lehre, Forschung und Hochschulmanagement. Diese wird durch Industrieprojekte optimal ergänzt. Seit vielen Jahren setzt sich Anja Seng für gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Führungspositionen ein.


20 Jahre FidAR: Wie sich ein Netzwerk für mehr gleichberechtigte Teilhabe in Führungsetagen einsetzt

Seit 2006 prägt FidAR, Frauen in die Aufsichtsräte e. V., die Debatte über Frauen in Führungspositionen: mit Fakten, öffentlichem Druck und konkreten politischen Vorschlägen. Was als Netzwerk engagierter Entscheiderinnen begann, zeigt heute messbare Wirkung. Und trotzdem gilt: Der Fortschritt ist fragil. Zum Jubiläum sprach Attila Khan, Geschäftsführer und Partner von The Boardroom über das diesjährige FidAR-Forum 2026. Hierbei geht es um Bilanz, internationale Best Practices und die nächste Etappe: Gleichstellung so zu verankern, dass Rückschritte nicht mehr möglich sind.

Welche Entwicklungsschritte waren entscheidend, damit FidAR nach 20 Jahren heute eine der einflussreichsten Stimmen für Parität in Deutschland ist?

Seng: Der wichtigste Schritt war, früh klar zu benennen: Freiwilligkeit reicht nicht. Als FidAR 2006 startete, gab es viele gute Absichtserklärungen. Danach jedoch kaum messbare Veränderungen. Der Durchbruch kam mit verbindlichen Regeln, etwa dem Führungspositionengesetz (FüPoG) und der damit eingeführten Geschlechterquote in Aufsichtsräten börsennotierter, paritätisch mitbestimmter Unternehmen. Diese Vorgaben zeigten, wie schnell sich Strukturen verändern, wenn verbindliche Regeln gemacht werden. Parallel haben wir immer wieder den Blick auf das Ganze gelenkt: Aufsichtsgremien sind wichtig, doch es braucht gleichermaßen Parität in Vorständen und in den oberen Managementebenen.

Welche Rolle spielt der Women-on-Board-Index in Ihrer Arbeit?

Seng: Beim FidAR-Forum wird auch in diesem Jahr der Women-on-Board Award verliehen. Dabei ist Transparenz ein entscheidender Hebel. Mit dem Women-on-Board-Index machen wir seit 2010 sichtbar, wo Unternehmen wirklich stehen und wo sie stagnieren. Rankings schaffen Vergleichbarkeit: Wer liefert, wer nicht? Der Women-on-Board Award setzt zusätzlich ein positives Signal. Er zeichnet Unternehmen aus, die konsequent vorangehen. Das wirkt zum einen nach innen auf Kultur, Talentbindung, Nachfolgeplanung. Und zum anderen nach außen im Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte. Vorbilder sind wichtig, ersetzen aber keine Regeln.

Was zeigt der WoB-Index 2026 aus Ihrer Sicht besonders deutlich – Fortschritt oder Handlungsdruck?

Seng: Beides – und genau darin liegt die Botschaft. Ja, wir haben Fortschritte erreicht. Vor allem dort, wo Quoten gelten. Gleichzeitig sehen wir, wie schnell Dynamik verloren geht, sobald der Druck nachlässt. Stagnation oder sogar Rückschritte bei Vorständen, teils Stillstand bei den großen Börsenunternehmen. Parität entsteht nicht „von allein“. Sie braucht klare Ziele, verlässliche Prozesse und Konsequenzen bei Nichterfüllung.

Welche politischen Impulse setzt FidAR, auch mit Blick auf eine Ausweitung gesetzlicher Vorgaben?

Seng: Unsere Forderung ist klar: Das Regelwerk muss breiter greifen und ambitionierter werden. Quoten und verbindliche Zielgrößen dürfen nicht nur für einen engen Kreis großer Unternehmen gelten. Wir brauchen eine Ausweitung auf mehr Unternehmen und eine konsequentere Umsetzung europäischer Standards. Zudem müssen Vorstände stärker in die Verbindlichkeit: Ohne klaren Anspruch und spürbare Konsequenzen bleibt zu viel dem guten Willen einzelner überlassen. Kurz: Mehr Reichweite, mehr Verbindlichkeit, mehr Tempo.

Welches mindset wünschen Sie sich von Top-Führungskräften? 

Seng: Gleichstellung darf kein Projekt sein, das man „auch noch“ macht. Es ist ein Qualitätsmerkmal guter Führung und ein Verfassungsauftrag. Denn Artikel 3 Absatz 2 Grundgesetz verpflichtet den Staat, die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung zu fördern. Für Unternehmen heißt das: Parität strategisch behandeln wie Innovation, Risiko und Wachstum. Wer ernsthaft gestalten will, sorgt für faire Auswahlprozesse, messbare Ziele, konsequente Nachfolgeplanung und eine Kultur, in der Vielfalt Normalität ist. Wir haben viel erreicht. Aber solange Parität nicht selbstverständlich ist, sind wir noch lange nicht am Ziel.

FidAR-Forum 2026 – was macht das Programm im Jubiläumsjahr besonders? 

Seng: Wir verbinden Rückblick und Zukunft. International sehen wir, dass andere Länder schneller vorankommen. Auch, weil sie die EU-Vorgaben zur gleichberechtigten Teilhabe ambitioniert umsetzen. Für Deutschland heißt das: Wir müssen aufholen, nicht verwalten. Beim Forum bringen wir 300 Entscheider:innen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammen, um zu diskutieren, was funktioniert. Zum Beispiel verbindliche Zielbilder, transparente Verfahren, gute Nachfolge- und Talentpools, aber auch gesetzliche Rahmenbedingungen, die den Fortschritt absichern. Zudem bieten wir Formate wie Masterclasses, einen Gallery Walk und internationale Keynotes. 

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch, Frau Prof. Dr. Seng!


Weitere Informationen zur Veranstaltung: FidAR-Forum

The Boardroom ist Fördermitglied von FidAR und wird auf dem Forum bei dem Gallery Walk vertreten sein. Besuchen Sie uns!

Sparringspartner für Ihren nächsten Karriereschritt gesucht?

Für erfahrene Führungskräfte stellt sich daher die Frage, wie sie ihre Positionierung im Hinblick auf Mandate, Gremienarbeit und langfristige Karriereentwicklung weiter schärfen können. The Boardroom unterstützt Sie mit erfahrenen Beratern aus dem Topmanagement, einem strukturierten Prozess und wertvollen Kontakten.


Jetzt Kontakt zur Beratung aufnehmen

10 Jahre FüPoG

Mit dem Gesetzt zur gleichberechtigten Teilhabe in den Führungspositionen wurde eine Wende in der deutschen Wirtschaft eingeleitet. Mehr über die Erfolgsgeschichte und weiteren Herausforderungen:

Führungspositionengesetz

Mehr Diversität

Was kommt nach dem Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Teilhabe in Führungspositionen? Überlegungen zu einer Quote für Migrationshintergrund:

Quote für Aufsichtsräte

Executive Insights

Entdecken Sie weitere Themen und Tipps für Führungskräfte rund um Aufsichtsrat oder Beirat, Leadership und Topmanagement Karrieren.